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Warum vegan?

Im Sommer 2013 habe ich aufgehört, Fleisch und andere tierische Produkte zu essen. Seitdem habe ich Veganismus als ein Thema zu begreifen gelernt, bei dem es um mehr als nur Ernährungsgewohnheiten geht – ich halte es vielmehr für eine Frage der Lebens- und Gesellschaftskultur. Essen und seine Zubereitung ist ohnehin ein kultureller Akt, aber auch bei vielem rund um pflanzliche Ernährung jenseits des Essgenusses geht es um Kultur: Tierethik und Moralphilosphie, Umweltschutz und generelles Konsumverhalten spielen eine Rolle. Tiere werden in Zirkus und Zoo zur Unterhaltung genutzt, und im Falle von Leder, Pelz und Kosmetika geht es um Mode und Ästethik. Die Themen um Tiere und ihre Nutzung (oder eben den Verzicht auf letztere) betreffen uns in unserer Alltagskultur – in gewisser Weise wie mein anderes kulturelles Lieblingsthema, die Musik: wer will schon ohne Musik leben? Muss ja auch niemand – anders als bei Musik gibt es jedoch bei Tieren und ihrer Nutzung viele Gründe für ein Leben „ohne“.

Der erste Auslöser für meinen Verzicht auf Tier waren keine rein moralischen Überlegungen, dass Fleisch essen falsch sei.

Es fing viel mehr damit an, dass mir bewusst wurde, wie gut Gerichte mit Gemüse schmecken können – vor allem, wenn man sie selbst zu Hause mit frischen, regionalen Zutaten der Saison zubereitet. Verantwortlich dafür war die Liefer-Abokiste, mit der unser Zweipersonenhaushalt seit 2012 jede Woche frisches Gemüse aus den Hamburger Vier- und Marschlanden nach Hause geliefert bekam. Plötzlich wurde viel mehr gekocht, weil ja jede Woche Nachschub an neuen Zutaten kam und die alten verbraucht werden wollten. Einiges hatte ich in meinem Leben noch nie zubereitet – aber man ist ja lernfähig! Mehr Kochen hieß dann zunächst auch mehr Fleisch, da es anfangs das Gemüse eher als Beilage gab. Das Fleisch geriet allerdings gar nicht immer so gut wie erhofft; das hing mit Qualitätsunterschieden zusammen wie auch mit fehlendem Wissen über Garpunkte und andere Aspekte des Fleischbratens. Das Gemüse hingegen war oft auch roh lecker, oder vergleichsweise leicht zu kochen oder dünsten. Also warum es nicht mit weniger, und dafür besserem Fleisch oder auch mal eine Zeitlang ganz ohne versuchen?

Die Frage nach „weniger Fleisch, und dafür besseres“ zog die Anschluss-Frage nach einer akzeptablen Form der Tierhaltung mit sich. Dass Massentierhaltung eigentlich nicht unterstützt werden sollte, war mir schon lange klar, ebenso, dass höhere Tierhaltungsstandards und bessere Fleischqualität vermutlich Hand in Hand gingen. Aber was war eigentlich eine in ethischer Hinsicht ausreichende Tierhaltung? Dass Discounterfleisch nicht ging, war klar – aber wo genau sollte man die Linie ziehen? Reicht die EDEKA-Fleischtheke, oder muss es schon Bio-Fleisch sein? Oder ein spezielles Tierschutz-Label?

Fachkundige Hilfe erhoffte ich mir (und erhielt sie) von der Lektüre des Buchs „Anständig essen“ von Karen Duve. Die Autorin dokumentiert dort ihren Selbstversuch, in welchem sie ihre ursprünglich von Grillhähnchen und Cola light geprägte Ernährung nacheinander für je zwei Monate durch biologisch-organische, vegetarische, vegane und frutarische Lebensweise ersetzt. Dabei erörtert Karen Duve nebenbei die verschiedenen Weltsichten, die hinter den jeweiligen Ernährungsstilen stehen.

Als ich dieses sehr empfehlenswerte Buch aus der Hand legte, war mir klar: die moralischen Fragen rund um die Rechtfertigung von Tierkonsum sind kompliziert, und es ist sehr zweifelhaft, ob man tierische Produkte überhaupt für die Ernährung braucht. Ich entschied mich kurzerhand, erstmal nur noch die tierischen Lebensmittel zu kaufen, bei denen ich im konkreten Einzelfall sicher war, dass ich mit den Standards der Tierhaltung einverstanden war. Also „im Zweifel vegan“ – die Umkehr meiner bisherigen Verhaltensregel, die eher lautete: alles kaufen, solange man über ein bestimmtes Produkt nicht etwas ganz Schlimmes aus den Medien erfährt.

Außer Haus hieß das: nur noch vegan, da in Restaurants und Imbissen die Tierhaltungsstandards hinter den verarbeiteten Produkten nicht überschaubar sind. Und zu Hause wurde von nun an noch mehr als ohnehin schon gekocht. Ich nahm Kontakt mit Demeter-Landwirten aus der Region auf, um herauszufinden, wie bei Ihnen die Kühe gehalten wurden, die die Milch für den selbstproduzierten Käse gaben und wie alt die Schlachttiere wurden. Vor allem aber lernte ich anders einzukaufen: Sojamilch, Tofu, Hafersahne, Kichererbsen, Sesampaste, Sojajoghurt, Hefeflocken, Lupinenschnitzel, pflanzliche Brotaufstriche und Aufschnitte hatte ich vorher nie gekauft. Es stellte sich schnell heraus, dass man mit diesen Zutaten auch sehr lecker und nahrhaft essen kann. Die Routine in Auswahl und Verarbeitung der veganen Lebensmittel fehlte mir zwar anfangs, wodurch zu Beginn alles etwas länger dauerte. Die Umstellung hat sich aber gelohnt – ich genieße mein Essen heute mehr als zu Zeiten, in denen ich regelmäßig tierische Produkte gegessen habe. 

Den Demeter-Käse habe ich anfangs dann ein paar Mal gekauft. Er war auch lecker (und teuer), aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass man sich andere schmack- und herzhafte Sachen auf’s Brot legen kann, in denen keine Kuhmilch ist. Und auch wenn Bio-Landwirte mit ihren Tieren in der Regel besser umgehen als konventionelle Bauern, glaube ich, dass jede Nutztierhaltung heute zu Lasten von Tier und Umwelt geht und ich lieber Anbau und Herstellung pflanzlichen Alternativen fördere – Fortsetzung folgt!

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