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Kirchentonarten – wozu?

 zu „Kirchentonarten – Einführung“

Um die Frage zu beantworten, wofür man Kirchentonarten eigentlich braucht, sollte man sich noch einmal mit dem ionischen Modus beschäftigen, welcher der herkömmlichen Dur-Tonleiter entspricht.

Der Grund dafür, dass dieser Modus so beliebt ist, liegt in seinen großen melodischen Qualitäten.

Anders gesagt: mit dem ionischen Modus („Dur-Tonleiter“) lassen sich schöne Melodien bilden. Man hört das bereits, wenn man ihn spielt: er klingt angenehm und gleichzeitig interessant, da die enthaltenen Halbtonschritte für Spannung sorgen. Der ionische Modus hat aber einen Nachteil. Spielt man seine Töne nicht nacheinander als Melodiefolge, sondern spielt man die Töne gleichzeitig, z.B. in Terzen als Akkord geschichtet, klingt der Modus nicht mehr so angenehm:

Spielt man auf dem Klavier gleichzeitig die Töne c-e-g-h-d‘-f‘-a‘ (Terzschichtung), hört man eine störende Reibung – sie entsteht zwischen dem e in der kleinen Oktave und dem eine kleine None höher liegenden eingestrichenen f‘.

In Terzschichtung klingt der lydische Modus wesentlich angenehmer: spielt man beispielsweise F-lydisch in Terzschichtung übereinander (f-a-c‘-e‘-g‘-h‘-d“), wird diese Reibung stark abgemildert: die Töne a und h‘ bilden eine große None, die zu einem angenehmen Gesamtklangbild führt, als es bei dem ionischen Modus der Fall ist.

Dies hat eine große Bedeutung im Jazz: sowohl der ionische wie auch der lydische Modus enthalten Töne, aus den sich ein Major-7-Akkord bilden lässt: C-ionisch enthält C-E-G-H, also Cmaj7, F-lydisch enthält F-A-C-E, also Fmaj7. Will man dem Akkord nun weitere Töne hinzufügen, eigen sich die Töne aus dem lydischen Modus besser, da die oben für den ionischen Modus beschriebene Reibung wegfällt. Aus diesem Grund ist die lydische Tonleiter auch eine sicherere Wahl für eine Improvisation über einen Maj7-Akkord – sie enthält keinen Ton, der sich zu extrem gegen den Grundakkord reibt (engl. „Avoid-Note“).

Was muss man dann tun, um einen Cmaj7-Akkord klanglich zu erweitern bzw. um darüber ohne „Avoid-Töne“ zu improvisieren? Antwort: man muss statt der Töne von C-ionisch die Töne von C-lydisch verwenden. Dazu führt man die C-Tonleiter über den Ton F# anstelle von F:

  • C-lydisch: C-D-E-F#-G-A-H

(C-Lydisch ist seinerseits wieder der 4. Modus der G-Dur-Tonleiter. Daher taucht nun das F# als Vorzeichen auf).

Man sollte sich klar machen, dass die Vorteile des lydischen Modus im harmonischen Bereich auf Kosten der melodischen Qualität gehen. Wieder am Beispiel von C-lydisch: der vierte Ton F# bildet mit dem Grundton C eine übermäßige Quarte (Tritonus). Dieses Intervall klingt wesentlich dissonanter als die reine Quarte zwischen C und F, wie sie im ionischen Modus auftaucht. Im Jazz-Kontext mag das nicht stören, vielmehr interessant klingen. Für die schlichte Schönheit eines Kinderlieds beispielsweise passt die übermäßige Quarte jedoch nicht recht – „Alle meine Entchen“ im lydischen Modus klingt sehr merkwürdig.

Im Bereich der Moll-Tonleitern verhält es sich ähnlich: äolisch klingt in melodischer Hinsicht schön – in Terzschichtung entstehen jedoch die gleichen Reibungen wie beim ionischen Modus: im Beispiel von A-Äolisch enthält die Akkordschichtung a-c‘-e‘-g‘-h‘-d“-f“ wieder die unangenehme Reibung zwischen e‘ und f“ (kleine None).

Besser klingt da der dorische Modus: D-Dorisch in Terzen (d-f-a-c‘-e‘-g‘-h‘) enthält keine kleine None.

Will man A-Äolisch zu A-Dorisch abwandeln, muss wiederum statt F ein F# gespielt werden:

  • A-Dorisch: A, H, C, D, E, F#, G